Lebendige Schule

M10-Abschlussfahrt nach Berlin

Abschlussfahrt der Klasse M10 nach Berlin

 

Erst mit Ankunft am Brandenburger Tor wird einem so recht bewusst, dass man sich nun in der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland befindet.

 

Zwar ist eine Reise im ICE schon nicht für jeden Teilnehmer alltäglich, auch nicht der hochmoderne Hauptbahnhof und der öffentliche Nahverkehr, der für die heimischen Verhältnisse doch sehr eng getaktet ist und beste Anbindungen ermöglicht; und selbst der berühmte Potsdamer Platz mit seinem Sony-Center erzeugt noch nicht das besondere Hauptstadtgefühl, erst dieses besondere Wahrzeichen versichert einem zuverlässig, wo man sich nun befindet.

Dabei stört eine andere Besonderheit – die Fanmeile – gerade auch diesen Genuss etwas; kann man das Tor von der Westseite aus doch nicht gut erkennen, da die Großleinwand das Bild verstellt.

Dafür kann man mitten auf der gesperrten Straße entlangschlendern und dem ehemaligen Mauerverlauf ungestört folgen und die Atmosphäre erahnen, die man von Fußballübertragungen aus dem Fernsehgerät kennt.

Die Nähe des Reichstagsgebäudes, das Erlebnis des Holocaust-Denkmals beeindrucken Geist und Fantasie.

Die Strecken, die man „Unter den Linden“ zum Gedarmenmarkt, zum Deutschen Dom, dem Neubau des Stadtschlosses bis zum Hackeschen Markt zurücklegt, beeindrucken Füße, Beine und Rücken.

  

Die ehrgeizigen Pläne für allmorgendliches Joggen werden so schnell wieder fallengelassen.

Lieber entspannen wir auf den Spreewiesen beim Hackeschen Markt und genießen den lauen Sommerabend.

Am nächsten Tag treffen wir Prominente aus aller Welt: Bei Madame Tussaud kicken wir mit Sportlern, sprechen wir mit Politikern und plaudern mit Filmstars. Wir klopfen Helden auf die Schultern und machen Selfies mit allen.

 

Und dann lassen wir uns bequem während einer „Kreuzfahrt“ auf der Spree durch die Stadt führen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart.

Später nehmen wir zu Fuß Geschichte in Augenschein: Checkpoint Charlie, ein Stück Originalmauer in der Niederkirchner Straße nebst der Ausstellung „Topographie des Terrors“. Hier sehen uns unglaublich vielen Menschen, die ungeheuer viele Sprachen sprechen, in die dunkle Seite unserer Volksgeschichte. Sie lesen und sehen, wie unsere Vorfahren vor und nach dem zweiten Weltkrieg mit Minderheiten umgegangen sind. Man könnte sich in Grund und Boden schämen.

Und gleichzeitig sind wir ganz schön stolz, gerade weil wir es zulassen und aushalten, dass alle Welt dies sehen kann, dass wir dazu stehen, es aufarbeiten, nicht beschönigen. Offenheit auch hier. Und Mut. Auch das schafft nicht jedes Land mit seiner Vergangenheit.

Sehr beeindruckend war und ist das Jüdische Museum. Schon von außen ist das Gebäude, das Erstlingswerk Daniel Libeskinds (dem Erbauer des neuen World Trade Centers in New York), äußerst ungewöhnlich.

 

Aber sein eigentliches Erlebnispotential erschließt sich in seinem Innern: Lange Achsen zu spezieillen Themenbereichen mit Fluren, bei denen es einem schwindelig wird, wenn man sie entlanggeht. Riesige Räume, in denen nichts ausgestellt ist, nur die Leere, die vielerorts durch die Judenvernichtung entstand; und Räume, in denen man beim Durchwandern oder Verweilen mehr erlebt, als in einem Film.

Ganz zu schweigen von der fesselnden Führung zum „Aufbruch in die Moderne“, die lebendig werden lässt, was ein auf Papier geschriebener Satz wie „Vor dem Gesetz sind alle gleich“ (also Demokratie) in Menschen und dann in ganzen Gesellschaften, Ländern und Kontinenten auslösen kann an Hoffnung, Zutrauen, Mut, Unternehmungslust, was er hervorbringt an Kreativität, Wirtschaftskraft, Demokratie, Aufschwung, Fortschritt, …

Und: Was eine Änderung dieser Grundbedingungen (hier durch die Nazis) alles vernichtet, selbst wenn man überlebt, entkommt, neu anfängt.

Wie weit kann man zurückgeworfen werden, welcher Vorsprung wird verspielt?

Und all dies ganz besonders eng verbunden mit dieser Stadt und geschehen in dieser Stadt!

Auch typisch Berlin: Varieté-Theater. Berlins Tradition aus den „Goldenen Zwanzigern“; im „Chamäleon“ in den Hackeschen Höfen, einem acht Höfe umfassenden restauriertem Vorzeigequartier, ließen wir uns von der Kompanie Cirk La Putyka aus Prag von ihrem Programm „Roots – Circus Stories“ von den Anfängen des Zirkus bis zu moderner Artistik verzaubern. Aus all den anderen Unterhaltungs-Möglichkeiten und -Angeboten hätte man sich das vermutlich nicht gerade ausgewählt, aber am Ende, wenn man sich darauf einließ: Das Highlight für die meisten.

Und dann:

 

Der Bundestag!

Schon kurz nach acht Uhr durch die Sicherheitsschleusen.

Kaugmmi raus!

Begleitung in das Reichstagsgebäude.

Durch gläserne Türen, in gläsernen Aufzügen „den Politikern auf´s Dach steigen“, durch die gläserne Kuppel „auf sie heruntersehen“, „sie beobachten, kontrollieren“.

In keinem anderen Land der Welt ist das so transparent gebaut und gehalten, in keinem Land der Welt kommen so viele Menschen einem Parlament (-sgebäude) so nah! Welches Selbstverständnis!

Und dann der Ausblick von dort oben! Die ganze Stadt, erklärt von einem ganz persönlichen Audioguide.

Auf Einladung des Abgeordeten Lehrieder (MdB) durften wir dann einer Plenumssitzung des Deutschen Bundestages beiwohnen. Einer der letzten vor der Sommerpause.

Und wir waren bei der Eröffnung der Sitzung dabei:

Alle erheben sich von den Plätzen.

Begrüßung.

Eröffnung durch Parlamentspräsident Norbert Lammert selbst.

Begrüßung einer pakistanischen Abordnung. Feier von Geburtstagen, Bekanntmachung von Ab- und Neuzugängen. Änderungen der Tagesordnung.

Dann der erste inhaltliche Tagesordnungspunkt: Regierungserklärung von Kanzlerin Merkel zum NATO-Gipfel am Folgetag.

Höchste Politprominenz ist anwesend: Außenminister Steinmeier, Wirtschaftsminister Gabriel, Finanzminister Schäuble, Verteidigungsministerin von der Leyen, Gesundheitsminister Gröhe, …die Fraktionsvorsitzenden aller Parteien, sogar einige Ministerpräsidenten. Gesichter, die man kennt! Nicht aus Wachs! Real! Leibhaftig.

Und lebendig:

Rede – und Zwischenrufe.

Demonstratives Desinteresse – und Ermahnung

Meinungsäußerung – und Erwiderung

(„Eigentlich wie in der Schule, wie im Kindergarten“, äußern manche Schüler; und: sie halten es für verstörend, unangemessen, störend!). (Es keimt Hoffnung auf beim Lehrer)

Nach 50 Minuten verlassen bedauernde Schüler diesen spannenden Schauplatz. SPD-Abgeordneter Oppermann kontert gegen die Linken-Vorrednerin Wagenknecht.

Doch der Gesprächstermin mit MdB Lehrieder steht an.

Gut gelaunt präsentiert er uns seinen Tages- und Wochenplan, seine Zuständigkeiten und Aktivitäten. Er steht Rede und Antwort auf jede unserer Fragen; zu TTIP und Glyphosat; er erklärt seine Position zum Brexit, zum „Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen“ und weiß uns zu unterhalten.

Schließlich führt er uns durch die Fraktionsebene des Gebäudes, dorthin, wo Besuchergruppen üblicherweise nicht hinkommen, dort, wo häufig TV-Interviews aufgenommen werden nach Parlamentsdebatten, und macht Fotos mit uns auf dem Dach.

Um die Mittagszeit sind wir im Paul-Löbe-Haus zum Mittagessen eingeladen. Mit Blick auf die Spree mit ihren Touristenschiffen, hinüber in den Osten der Stadt fühlen wir uns geehrt, von den Verantwortlichen für unser Land eingeladen und ernst genommen worden zu sein.

Politik(er) zum Anfassen, nicht abgehoben, abstrakt, entfernt.

Die am Abend geplante Party in Berlin in der TV-bekannten Discothek Matrix fiel - nach Abstimmung - dem EM Halbfinale gegen Frankreich zum Opfer. Und „Die Mannschaft“ den Franzosen.

Man kann nicht alles gewinnen.

Berlin – das ist eine IN-City, in die viele, gerade junge Menschen aus der ganzen Welt streben.

Berlin ist Kaiserzeit mit Krieg, Republik, Machtergreifung, wieder Krieg, Holocaust, Kapitulation, Teilung, Wiedervereinigung. Eine klassizistische Stadt und eine moderne Stadt. Und sie zeigt dies alles in ihrem Stadtbild.

Berlin bedeutet Verbindung von Ost und West, arm und reich, Minderheiten und Vielfalt, Offenheit und Toleranz, Kitsch und Kultur, Politik und Fanmeile, Architektur und Graffity, Prunk und Uringestank, Party und Langeweile,…

Und von allem haben wir einiges aufgenommen.

„Es war cool!“

 
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